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2019

2. Auflage "Das Ohr an der Großen Allee"

Das Ohr an der Großen Allee

Kurzprosa-Sammlung

„Hast du noch einen Kaffee für mich, Marion?“ ruft eine Marktverkäuferin am Samstag über den Kirchplatz. Der Verkäufer im Strandbadcafé am Twistesee seufzt über die ewige Sonne. Und im Barockschloss gleiten die Besucher in Filzpantoffeln über das Waldeckparkett.

 

Die Autorin und Klangkünstlerin Friederike Kenneweg aus Berlin hat während ihres zweimonatigen Stipendienaufenthalts in Bad Arolsen die Ohren gespitzt und die vorgefundenen Situationen, Begegnungen und Klanglandschaften in Kurztexten festgehalten.

 

Ein Konzert in Gedanken. Ein Geräuschmosaik. Ein klingender Spaziergang durch die Barockstadt Bad Arolsen – das ist „Das Ohr an der Großen Allee“.

 

An der Großen Allee

 

Die Große Allee schafft die Ordnung.

 

Hier die Fußgänger, da die Radfahrer, die Bäume am Rand, nur Autos, Busse und Lastwagen, lärmend und stinkig, halten sich nicht ganz an die zugeteilte Spur.
Und im Herbst, da werfen auch die Bäume auf alle Spuren ihre Eicheln hinab, die knackend unter Füßen und Rädern und Reifen zerplatzen.

 

Die Große Allee schafft die Ordnung, schon seit Jahrhunderten. Schon zur Revolution standen hier einige Bäume, in den napoleonischen Kriegen und bei der Erfindung der Dampfmaschine.

Foto: F. Kenneweg

 

 

 

 

 

 

 

An ihnen zogen der Kaiser und die Weimarer Republik vorbei, der erste und der zweite Weltkrieg, SA und SS, Amerikaner und Belgier, es kamen Adenauer und Kohl und schließlich die Wende. 

 

So manch ein Baum starb in den 90er Jahren wegen der Bruchgefahr von dem alten Holz durch die Motorsäge.

 

Adieu, alte Eiche, noch steht hier dein Stumpf und erzählt dem, der es versteht, mit den hölzernen Ringen von Jahren und Jahren, von Stürmen und Dürren, von Ordnung und Chaos und Ordnung.



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